Es geschah in einer Nacht vor langer Zeit. Im Land der Gespenster, wo es immer Winter ist.
Ein Geist rief in der Dunkelheit nach seinen Freunden. Es dauerte nicht lange, und drei andere Geister kamen, um ihm Gesellschaft zu leisten. Die vier Freunde unterhielten sich über gruselige Dinge, lachten über ihre vielen Abenteuer und erzählten von den Streichen, die sie den Lebenden gespielt hatten. Jeder versuchte den anderen zu übertreffen mit wilden Beschreibungen seiner Taten.
“Ich habe so viele Leute ausgetrickst, es ist unmöglich, sie alle zu zählen!“ prahlte der eine.
“Wohl kaum so viele wie ich,“ sagte ein anderer. “Die Menschen, die ich erschreckt habe, haben sich zu Tode gefürchtet.“
Der dritte Geist sagte: “Ich finde es sehr einfach, Menschen zu erschrecken. Sie fürchten sich schließlich alle vor Geistern, oder etwa nicht?“
“Nein, so ist es nicht ganz,“ sagte der vierte Geist mit geheimnisvoller Stimme.
“Wie meinst du das?“ fragten die anderen.
“Ich habe von einem jungen Mann gehört, Brave Bear. Es heißt, er fürchtet sich vor gar nichts,“ antwortete der vierte Geist. “Brave Bear ist ein Krieger und ein Jaeger, der dem Tod ins Gesicht lacht. Die Leute sagen, seine Kraft und sein Mut überwinden alles. Es heißt auch, keiner ist so schnell und so trickreich wie er.“
“Hah,“ sagte der zweite Geist. “Das glaube ich nicht.“
“Ich auch nicht,“ sagte der dritte. “Ich bin mir sicher, dass ich diesen Mann erschrecken kann.“
“Lasst uns eine Wette abschließen, wem von uns es gelingt, ihm das Fürchten zu lehren,“ schlug der erste Geist vor, der immer für eine Herausforderung gut war. “Jeder von uns hat ein besonders gutes Pferd. Derjenige, der Erfolg darin hat, Brave Bear zu erschrecken, bekommt alle Pferde.“
“Einverstanden,“ sagten die anderen.
Es dauerte nicht lange, und die Geister bekamen ihre Chance. In der nächsten Nacht schien der Vollmond. Er blinzelte zwischen den Bäumen und warf lange Schatten auf den Weg. Die meisten Leute gingen ungern während der Nacht spazieren, niemand wollte es darauf anlegen, einen Geist zu treffen. Aber Brave Bear war seinem Ruf treu- er fürchtete die Nacht nicht, und auch nicht ein Zusammentreffen mit einem Geist. “Geister waren einst so lebendig, wie ich es heute bin,“ pflegte er zu sagen. “Eines Tages werde ich auch tot sein. Also sind wir in Wirklichkeit alle ein und dasselbe!“
In der Nacht des Vollmondes wanderte Brave Bear entlang der Schatten und genoss die Stille des Waldes. Während er lief, summte er ein Lied vor sich hin. Er mochte, wie es sanft zwischen den Bäumen widerhallte. Plötzlich erschien eine Gestalt genau vor ihm!
“Aieee!“ sagte der erste Geist, der hinter einem Baum hervor gesprungen war. Er fuchtelte mit seinen langen, knochigen Skelettarmen vor dem Gesicht des Mannes herum. Sein Pferd, von dem auch nur noch das Skelett übrig war, wieherte und jammerte in den gruseligsten Tönen.
Doch anstatt davon zu laufen, sah Brave Bear das Skelett ruhig an. “Guten Abend, Freund,“ sagte der junge Mann. “Ist dir kalt? Du zitterst ja am ganzen Leibe. Tatsache, es muss wirklich kalt sein so ohne Haut und Blut, das dich warm hält.“
“Ich bin ein Geist!“ schrie das Skelett. “Ich spüre die Kälte nicht! Ich bin hier, um dich zu erschrecken!“
“Nun ja, du kannst es ja versuchen,“ sagte Brave Bear. “Aber bitte beeile dich. Ich genieße die frische Nachtluft und würde gern weiter gehen.“
Der Geist wurde böse, als er diese unerwartete Antwort bekam. “Wir werden ja sehen, wie tapfer du bist,“ zischte er. “Lass uns Pfeile auf diesen Baum schießen. Ich weiß, dass ich dich schlagen kann. Wenn mir das gelingt, dann werde ich dich in einen Geist verwandeln.“
“Einverstanden,“ sagte Brave Bear. “Aber lass uns eine Wette abschließen. Wenn du gewinnst, dann machen wir es so, wie du es gesagt hast. Falls ich gewinne, dann bekomme ich dein Pferd.“
Bevor der Geist auch nur ein Wort sagen konnte, hatte Brave Bear nach ihm gegriffen und ihm einen langen Beinknochen abgerissen. Dann zog der junge Mann den Knochen mit erstaunlicher Geschwindigkeit in die Form eines Bogens und spannte eine Sehne. Genauso schnell riss er dem Skelett beide Arme aus. “Ich denke, die werden recht gute Pfeile abgeben,“ sagte er. Der junge Mann nahm seinen neuen Bogen und die Pfeile. Er zielte auf den Baum und traf ihn genau in der Mitte. “Du bist dran,“ sagte Brave Bear zu dem Geist.
Der saß als trauriges Häufchen auf dem Boden. “Aieee!“ jammerte er. “Sieh was du mir angetan hast! Wie kann ich denn zielen mit nur einem Bein und ohne Arme?“
“Ich sehe, was du meinst,“ sagte Brave Bear. “Das bedeutet ja wohl, dass ich unsere kleine Wette gewonnen habe!“ Er führte das Pferd des Geistes davon und summte sein Lied, das er so mochte.
“Ich werde es dir heimzahlen!“ schrie ihm der Geist hinterher. Aber Brave Bear hatte keine Angst und wanderte weiter.
Es dauerte nicht lange, und er hörte ein ungewöhnliches Stöhnen zwischen den Bäumen. “Hooooo- heeeee! Hooooo- heeeee!“ Andere hätten sich wahrscheinlich gefürchtet, aber nicht Brave Bear. Und er schien nicht das geringste bisschen überrascht, als der zweite Geist auf seinem Skelett- Pferd herangaloppiert kam.
“Hooooo- heeeee! Hoka- hey!“ rief der Geist. “Es ist ein guter Tag zum Sterben!“
“Wie du meinst,“ antwortete Brave Bear. “Aber lass uns eine Wette abschließen, um die Angelegenheit interessanter zu gestalten. Es ist offensichtlich, dass du eine sehr schöne Stimme hast. Ich singe auch gern. Sehen wir, wer von uns beiden die bessere Musik machen kann. Wenn du gewinnst, kannst du mit mir machen, was immer du willst. Falls ich gewinne, bekomme ich dein Pferd.“
Bevor der zweite Geist etwas sagen konnte, hatte Brave Bear den Nacken seines Feindes gebrochen. Dann griff er sich eine Hand des Geistes mit ihren langen, knochigen Fingern. Er setzte den Schädel des Skeletts auf den Boden, nahm sich einen Stock und schlug mit ihm einen Rhythmus auf dem Schädel. Rat- a- tat. Rat- a- tat. Dazu sang er laut. Mit seiner anderen Hand schüttelte er die Hand des Skeletts wie eine Rassel. Clack- a- clack, clack- a- clack.
“Ouch!“ schrie der Geist.
“Ist das das beste Lied, das du singen kannst?“ fragte Brave Bear. “Du hast deine Wette verloren!“ Er schleuderte den jammernden Schädel hinauf in den Wipfel eines Baumes, wo er in einem Krähennest landete. Dann führte Brave Bear seine zwei Geisterpferde davon.
Es dauerte nicht lange, und der dritte Geist sprang hinter einem Baum hervor. “Noch einer?“ stöhnte Brave Bear. “Ich hatte keine Ahnung, dass der Wald so ein bevölkerter Ort ist!“
“Gib acht,“ sagte der Geist. “Du bist in Gefahr.“
“Gefahr? Was für eine Gefahr?“ fragte der junge Mann lachend.
“Ich bin die Gefahr!“ jaulte der Geist.
“Wie du meinst,“ sagte Brave Bear. “Aber bevor du mir etwas tust- hättest du vielleicht Lust auf eine kleine Wette?“
“Was für eine Wette?“ fragte der Geist.
“Siehst du das Eis da drüben?“ sagte Brave Bear und deutete auf einen kleinen Teich. “Es ist der perfekte Platz, um einen Kreisel tanzen zu lassen. Lass uns einen Wettbewerb veranstalten, wessen Kreisel sich am längsten dreht. Wenn du gewinnst, bekommst du den Bärenzahn, den ich als Glücksbringer um den Hals trage. Falls ich gewinne, ist dein Pferd mein.“
“Aber was nehmen wir als Kreisel?“ fragte das Skelett.
“Ich weiß nicht, wie du es machen willst, aber ich nehme das hier!“ antwortete Brave Bear. Bevor der Geist wusste, wie ihm geschah, hatte der junge Mann ihm in den Mund gegriffen und alle seine Zähne heraus gerissen. Brave Bear trieb ein Stöckchen in jeden Zahn und lief zum Teich. “Schau es dir genau an,“ rief er und ließ gekonnt seine Kreisel tanzen.
Der verärgerte Geist rannte Brave Bear hinterher. Fast hätte er ihn erwischt, als er auf dem Eis ausrutschte. “Auuu!“ schrie das zahnlose Skelett, als es fiel und jeder seiner Knochen einzeln über den gefrorenen Teich schlitterte.
“Du hättest nicht versuchen sollen, auf dem Eis zu rennen,“ schalt Brave Bear. “Jetzt hast du deine schönen weißen Rippenknochen kaputt gemacht. Naja, ich muss weiter. Danke für das Pferd.“
Und wie zuvor machte sich Brave Bear davon, diesmal mit drei Pferden.
Der vierte Geist hatte den jungen Mann aus seinem Versteck heraus beobachtet. “Dieser Brave Bear ist wirklich so, wie sie alle sagen,“ stellte er fest. “Aber ich werde ihn überraschen. Dann werden wir ja sehen, wie tapfer er wirklich ist.“ Er setzte sich auf sein Skelettpferd und wartete auf Brave Bear.
In dem Moment, als der junge Mann an ihm vorbeikam, stieß das Skelett einen markerschütternden Schrei aus und sprang auf Brave Bears Rücken. Aber anstatt verängstigt zu sein, sagte Brave Bear: “Ho, Freund. Bist du alter Geist müde? Du scheinst jemanden zu brauchen, der dich trägt. Keine Sorge, du bist leicht. Ich werde dir helfen.“
“Lass mich runter!“ schimpfte der Geist, der von dem Angebot beleidigt war.
“In Ordnung,“ sagte Brave Bear. “Aber lass uns ein Spiel spielen, bevor du gehst. Ich liebe Ratespiele. Nimm einen kleinen Stein und verstecke ihn in deiner Hand. Wenn ich errate, in welcher Hand der Stein ist, gewinne ich dein Pferd. Falls du mich narren kannst, sind alle vier Pferde dein!“
Der Geist stimmte zu und hob einen Stein auf. Er versteckte beide Hände hinter seinem Rücken und sagte: “Rate in welcher Hand ich den Stein habe!“
Brave Bear lächelte. Weil er dem Gespenst mitten durch die Rippen sehen konnte, war der Stein leicht zu finden.
“Oh, das ist schwierig,“ sagte Brave Bear. Er schüttelte den Kopf und kratzte sich am Kinn. “Aber ich denke, der Stein ist in deiner linken Hand.“
“Woher hast du das gewusst?“ schrie ihn der Geist an und rief wutentbrannt auf ihn zu.
“Weil ich auch ein Geist bin!“ schrie Brave Bear mit einer Stimme zurück, die sogar noch lauter war als die seines Gegenübers. “Und jetzt kriege ich dich!“
Der verängstigte Geist drehte sich um und rannte durch die Bäume davon. In seiner Eile stolperte er und fiel in einen halb zugefrorenen Bach. Brave Bear lachte. “Wie gut für dich!“ sagte er. “Du wirst schön sauber sein nach deinem Bad. Die Mädchen werden dich mögen!“
“Wie kannst du es wagen!“ rief der Geist. “Ich bin ein Mädchen!“
“Sorry,“ antwortete Brave Bear. “Das kann man irgendwie schwer feststellen.“ Dann lächelte er, kletterte auf das vierte Pferd und machte sich davon, die andere Tiere im Schlepptau.
Kurz vor Sonnenaufgang erreichte Brave Bear die Tipis seines Dorfes. Einige Kinder waren schon auf und spielten in der Wiese. Als sie Brave Bear und die Skelettpferde sahen, schrien sie vor Angst und liefen zu den Tipis, wo sie die Erwachsenen weckten, um ihnen zu erzählen, was sie gesehen hatten.
Als die Leute aus den Zelten traten, stieg gerade die Sonne auf, und Brave Bear sah, dass es Frühling geworden war. Die Geisterpferde verblassten im Tageslicht.
“Ich hatte eine interessante Nacht im Wald,“ sagte Brave Bear. Und er erzählte jedem die Geschichte seiner Abenteuer mit den Geistern.
“Du fürchtest dich ja wirklich vor gar nichts!“ staunte ein kleines Mädchen.
Brave Bear lächelte voller Stolz. Doch plötzlich fühlte er ein seltsames Kitzeln an seinem Arm. Er schaute hinunter und sah, wie eine winzige Ameise auf ihm herumkrabbelte.
“Aieee!“ schrie er. “Jemand soll sie wegmachen ehe sie mich beißt!“
Das kleine Mädchen warf die Ameise vorsichtig ins Gras und rettete Brave Bear so vor dem einzigen winzigen Ding, vor dem er Angst hatte.
Original: Brave Bear and the Ghosts, A Sioux Legend, Troll Communications, 1998 Copyright by The Rourke Corporation, Inc. 1996