Oft sind sie sich selbst überlassen, werden von einem Verwandten zum nächsten gereicht oder zeitweise in Internaten untergebracht. Weil manchmal das Geld der Eltern nicht reicht, um Strom und Heizung zu bezahlen; weil immer wieder häusliche Gewalt die Familien zerstört; weil es einfach zuviel ist, wenn eine Zehnjährige Ersatzmutter für vier jüngere Geschwister spielen muß...
Das Main ist ein Ort, an dem die Kinder Ordnung, Frieden und ein geregeltes Leben finden. Dinge, die sie genauso brauchen wie die warme Mahlzeit.
 
Nahezu jeder nennt das Zentrum aber "The Main". Seine Geschichte begann 1988 an zunächst scheinbar unpassender Örtlichkeit: eine alte, heruntergekommene und verlassene Bar in Eagle Butte wurde zur Heimstätte für ein dringend benötigtes Kinderzentrum. Die Bar lag an der Hauptstraße- der Main Street. Julie Garreau, selbst Angehörige des Stammes der Cheyenne River Sioux, übernahm die Leitung des Projekts und arbeitete mehr als 10 Jahre lang ehrenamtlich. So erfolgreich, dass sich der Ruf des Mains über die Reservationsgrenzen hinweg verbreitete und immer mehr Sponsoren gewonnen werden konnten. 1999 wurde ein neues, modernes Gebäude eingeweiht. Kindern und Betreuern stehen jetzt neben ausreichend Platz zum Spielen und Feiern auch eine ständig wachsende Bibliothek, eine große Küche, ein Familienberatungsraum und Wohngelegenheiten zur Verfügung.
 
Das Main hat eine gut bestückte Bibliothek, in der sogar einige Computer stehen. Viele Kinder haben große Lese- und Schreibprobleme. Mit einem Lesewettbewerb, der in den Sommerferien die Kids mehrere Wochen lang beschäftigt und der für die Besten mit einem besonderen Ausflug endet (vergangenes Jahr in einen Vergnügungspark), sollen die Kinder einerseits zum Lesen motiviert werden und zum anderen ihre Fähigkeiten verbessern.
Um Geld zu sparen, aber auch um den Kindern zur Abwechslung mal etwas Gesundes zu essen bieten zu können, wird ein großer Gemüsegarten bewirtschaftet. Dort wachsen Erdbeeren, Gurken, Tomaten, Paprika, Zucchini, Kürbisse aller Art, Melonen, Mais... Die Kinder werden in die Pflege des Gartens einbezogen und haben großen Spaß daran. Ein Teil der Ernte geht jedes Jahr an das “Elderly Nutrition Center”, in dem die Senioren aus Eagle Butte und aus anderen Orten der Reservation täglich mit einem Mittagessen versorgt werden und das sich auch in anderen Belangen um die Alten kümmert.
In den vergangenen zwei Jahren gab es viele Bestrebungen, das Main von einem puren Kinderzentrum in eine Hilfseinrichtung für die gesamte Kommune weiterzuentwickeln.
So konnte im Winter 2002/ 2003 beispielsweise zum ersten Mal ein Programm umgesetzt werden, durch das Leute auf der gesamten Reservation beim Kauf von Propangas für ihre Heizungen finanziell unterstützt wurden. Dafür stand ein Etat von 20 000 Dollar zur Verfügung, bereitgestellt von einer amerikanischen Hilfsorganisation. Die Winter in South Dakota können extrem lang und kalt sein, und viele Familien haben oft schon nach der Hälfte des Monats kein Geld mehr für Propan übrig. Sie sitzen dann in der Kälte, bis sie die erforderlichen Finanzen aufftreiben. Das ist bei Temperaturen, die durchaus minus 50 Grad erreichen können, nicht nur sehr unangenehm, sondern auch lebensbedrohlich.
Neben dieser finanziellen Unterstützung gibt es auch eine Versorgung mit materiellen Dingen. Bedürftige erhalten warme Winterkleidung, Schuhe, Babysachen, Windeln, Betten, Möbel, Decken, Hygieneartikel, Spielsachen, Fahrräder, Schulmaterial und vieles andere. Nahezu alle diese Dinge werden dem Main gespendet.
In der Weihnachtszeit verwandelt sich das Kinderzentrum in ein riesiges Spielzeuglager. Dank eines großen, über die Jahre kontinuierlich ausgebauten Netzes von Sponsoren können die Wünsche von über 600 Kindern erfüllt werden- oder zumindest einige davon. Zwei Wochen lang werden fast rund um die Uhr Geschenke zusammengestellt, verpackt und dann am Weihnachtstag durch mehrere Santa “Cläuse” an die Familien verteilt. (Mehr dazu gibt's im Winter- Tagebuch von Sabine)
Da die Situation auf der Reservation für Teenager besonders trist ist, wird versucht, für diese Altersgruppe verstärkt Angebote zu schaffen. Absolutes Highlight: Midnight Basketball in den Sommermonaten. Es wird zweimal pro Woche von 10 Uhr abends bis 2 Uhr morgens auf dem Parkplatz der High School ausgetragen und zieht jedes Mal weit über 100 Jugendliche an. Basketball ist für Native Americans, was Fußball für Deutsche ist...
Der Jugend ist auch das neueste Projekt von Main- Chefin Julie Garreau gewidmet: Für die Altersgruppe ab 12/ 13 soll ein eigenes Zentrum entstehen. Mit Sporthalle, Basketballcourts, Internetcafe, Tonstudio und anderem. Ein sehr ehrgeiziges Vorhaben, dessen Umsetzung aber einen ungeheuer wichtigen Fortschritt für das Leben auf der Reservation bedeuten wird.
Die Freiwilligen beschäftigen sich aber nicht nur mit den Kindern, sondern halten auch Küche, Garten und Lager in Schuß. Und sie veranstalten verschiedene Aktionen, um Spenden für das Projekt zu sammeln. Alles in allem ist ein durchschnittlicher Arbeitstag für einen volunteer 9 bis 10 Stunden lang und immer wieder mit neuen Überraschungen angefüllt. Kein Tag ist wie der andere!
 
Leider ist es oft so, dass man den Spenden ansieht, dass sie lediglich deshalb ihren Weg auf die Reservation fanden, weil sie aufgrund kleinerer Mängel nicht mehr verkauft werden können. In den meisten Fällen ist das kein großes Drama, aber wenn man beispielsweise mehr als die Hälfte gesponsorter Puzzles wegwerfen muß, weil von vornherein Teile fehlen, dann fragt man sich doch, wofür manche der großzügigen Spender die Indianer halten...
Auch die Freiwilligen sind nicht untätig, wenn es um das Sammeln von Geldern geht. Da ist Einfallsreichtum gefragt. Oder Überwindung- zumindest dann, wenn wieder ein "Betteltag" auf der Straße angesagt ist. Außerdem werden Kekse gebacken und im Ort verkauft, sogenannte rummage- oder yard- sales veranstaltet ( eine Art privater second- hand- Laden) und hundert andere kreative Ideen in die Tat umgesetzt.