Deshalb die Antwort darauf gleich zu Beginn: Anfang der 90-er hatte ich ein Jahr in den USA gelebt und wollte nun gern wieder einmal für länger als nur eine Urlaubsreise dahin zurück. Da ich aber mein Studentendasein bereits hinter mir gelassen hatte, waren meine Möglichkeiten eher begrenzt. Durch Zufall fiel mir eines Tages- ich glaube, ich war auf der Suche nach passender Strandlektüre- eins meiner alten Indianerbücher in die Hände. Und obwohl ich mich schon seit Jahren nicht mehr mit Indianern beschäftigt hatte, setzte sich in diesem Moment die Idee in meinem Kopf fest, das Leben auf einer Reservation kennenzulernen. Im Internet fand ich Websites verschiedener Stämme und schrieb einige an. Der Chairman der Cheyenne River Sioux, der gleichzeitig auch die Seiten seines Stammes betreut, leitete meine Mail an Julie Garreau weiter, die als Leiterin des „Mains“ immer auf der Suche nach Freiwilligen ist. Tja, und so fand ich mich Anfang Mai 2000 zum ersten Mal in Eagle Butte wieder...
Zwei Jahre lang habe ich dann versucht, mir und anderen zu erklären, warum ich immer wieder an einen Ort zurückkehre, der mitten in der Pampa liegt, weder Kino noch Theater hat (und nicht einmal eine Bowlingbahn...), wo das Leben von Armut, Alkoholismus, Lethargie, Tod und Dreck gezeichnet ist, wo man Lebensmittel teurer als anderswo im Land kaufen muß, wo man als Weißer nicht immer freundlich behandelt wird, wo man sich auf niemanden verlassen kann, wo selbst Kinder um ihre chancenlose Zukunft wissen und sich deshalb lieber in Gangs organisieren als zur Schule zu gehen... kurzum ein Ort, nach dem man als durchschnittlicher Mitteleuropäer eigentlich wenig Verlangen haben sollte.
Inzwischen habe ich eine Erklärung gefunden:
Weil nirgendwo der Himmel weiter ist.
Weil nirgendwo die Sterne klarer scheinen.
Weil nirgendwo die Landschaft mehr Platz zum Atmen läßt.
Weil nirgendwo Gewitter atemberaubender sind.
Weil nirgendwo auf einem Pferderücken größere Freiheit liegt.
Und weil es ganz besondere Menschen gibt.
Menschen, die in ihren Emotionen, Handlungen und Erwartungen kein Mittelmaß kennen, sondern immer die Extreme leben, egal ob positiv oder negativ.
Menschen, die über sich und ihr schweres Leben auf eine Weise lachen können, wie ich es noch nie bei jemandem erlebt habe.
Menschen, die dich genauso selbstverständlich vereinnahmen und von dir fordern, wie sie dir geben.
Menschen, denen Zeit unwichtig ist und die dir das so lange zeigen, bis du selbst dieser Meinung bist.
Menschen, die voller Hingabe feiern, essen, tanzen, singen, erzählen, streiten.
Menschen, die sich am Morgen am Automaten eine Cola holen, mittags in die Kirche gehen und abends in der Schwitzhütte zu Wakan Tanka beten.
Menschen, die voller Zorn den Verlust ihres Landes betrauern und doch die amerikanische Flagge stolz als die ihre betrachten.
Menschen, deren Kinder oft abgerissen und schmutzig herumlaufen und trotzdem schöner sind als alle anderen Kinder, die ich je gesehen habe.
Menschen, die permanent pleite sind, denen es aber nie an Ideenreichtum fehlt, Geld aufzutreiben, das sie dann ohne zu zögern sofort wieder in Bingo, Süßigkeiten, Alkohol und Spenden für andere investieren.
Menschen, denen es egal ist, ob dein T- Shirt Löcher hat oder was für ein Auto du fährst.
...
Und das ergibt einen Ort, nach dem auch ein durchschnittlicher Mitteleuropäer durchaus Verlangen entwickeln kann...
Mehr ?
Demnächst !