Deshalb habe ich mir gedacht, daß es vielleicht interessant sein könnte, ab und an für diese Seiten ein paar Notizen zu schreiben, eine Art „Wintertagebuch“. Da ich dazu aber auf die Computer der örtlichen College- Bibliothek angewiesen bin, kann das etwas unregelmäßig werden. A) gehen die nämlich nicht immer und B) ist die Bibo erfahrungsgemäß manchmal auch dann geschlossen, wenn sie eigentlich geöffnet sein müßte. Aber so ist das eben- wenn die Bibliothekare keine Lust haben, kommen sie nicht.
Auf alle Fälle werde ich es versuchen. Deshalb: Dran bleiben und immer wieder mal reinschaun :-)
Die verlorene Kirche ist allerdings nahezu bedeutungslos im Angesicht der vielen Selbstmorde, die es in diesem Sommer gegeben hat. Duchschnittlich ist auf der Reservation ein Suizid pro Monat “normal”, doch in den drei Somermonaten haben sich in diesem Jahr 8 Menschen das Leben genommen. Und von einem abgesehen, waren es alle Jugendliche. Auf einen “erfolgreichen” Selbstmord rechnet man hier mindestens 5 Versuche, macht alles in allem fast 50 Selbstmordversuche in 3 Monaten. Was koennte mehr ueber die Verfassung der Menschen aussagen als diese Statistik...
Einen Tag nach der Party gab es ein weiteres “Großevent” im Main: Das jährliche Thanksgiving- Dinner fuer alle Kinder und deren Angehoerigen. Dummerweise kann man vorher nie genau einschätzen, wieviele Leute zu solchen Veranstaltungen kommen, weshalb die Kocherei immer eine Art Russisches Roulette darstellt. Es koennen 20 Esser sein, aber auch 200. Kostenlose “Speisungen” sprechen sich hier immer schnell herum, und entsprechend viele Leute kommen dann meistens auch… Nach dem Motto “Lieber zuviel als zuwenig” kochten wir deshalb 10 Truthähne (verteilt auf 5 verschiedene Herde in 5 verschiedenen Haushalten), dazu Berge an Kartoffelbrei und Mais. Als Dessert eine in keinem Rezeptbuch stehende Sueßspeise, die zwar das Wort “Pistazien” im Namen hat, aber hauptsächlich aus Marshmallows, Schlagsahne und Dosenobst besteht. Dazu natuerlich den unvermeidlichen, legendären Pumpkin Pie mit Bergen von Schlagsahne.
Es waren mindestens 70 Leute da. Wahrscheinlich sogar mehr. Unsere “Tuersteher” hatten nach einer Stunde die Uebersicht verloren und es aufgegeben, die uebliche Anwesenheitsliste weiter auszufuellen. (Wir fuehren die Liste täglich, um den Sponsoren Zahlen vorweisen zu koennen, wie das Projekt monatlich und jährlich frequentiert wird.)
Das eigentliche Thanksgiving- Fest war dann einige Tage später. Es wird immer am letzten Donnerstag im November begangen und ist der wichtigste Feiertag in den USA. Ein richtig großes Familienfest und sogar noch bedeutender als Weihnachten. Der “Turkey Day” (Truthahn Tag) ist ein wahres Fressfest, und ich bin ehrlich gesagt froh, daß es ihn bei uns in Deutschland nicht gibt- innerhalb eines Monats zwei solcher “ergibigen” Feiertage, das hält doch kein Mensch auf die Dauer durch!
Einige Tage vor dem Fest waren auf der Reservation zwei Truckladungen gefosteter Truthähne abgeladen worden. Insgesamt 3000 Stueck!! Verteilt wurden sie ueber die sogenannte Food Pantry. Das ist eine Einrichtung, die kostenlos Lebensmittel an Beduerftige ausgibt (sprich an nahezu jeden hier…). Meistens Dosennahrung, Kartoffelchips und ähnliche “gesunde” Kost, aber manchmal auch ganz ordentliche Dinge.
Zur Verfuegung gestellt wird alles von einer Organisation namens Christian Relief Service.
Auch das Main bekommt regelmäßig Nahrungsmittel von Christian Relief.
Betrachtet man die Urspruenge des Festes, ist es wohl eher eine bizarre und ironische Angelegenheit, Thanksgiving auf einer Indianerreservation zu verbringen: Als die ersten weißen Siedler- es waren Pilger- an der amerikanischen Ostkueste landeten, drohte ihnen nach kurzer Zeit der Hungertod. Doch die Indianer brachten ihnen Nahrung und retteten ihnen so das Leben. Die Weißen bedankten sich, nachdem sie ihre erste Ernte eingebracht hatten, und luden die Indianer zu einem großen Fest ein. Es gab jene Speisen, die bereits seit Jahrhunderten von den Indianern der Ostkueste angebaut wurden- Mais, verschiedene Kuerbisarten, Bohnen, aber auch Kartoffeln. Dazu Truthahn, der in großer Zahl wild vorkam. Nach diesem Fest hoerte es dann bekannterweise aber auch schon auf mit der Dankbarkeit… Nur Thanksgiving samt der traditionell servierten Nahrungsmittel etablierte sich irgendwie… Und kaum sind die Turkeys aufgegessen, fällt hierzulande mit aller Macht der Startschuß fuer’s nächste Fest: Weihnachten!
Das Main hat jedes Jahr zu Weihnachten einen sogenannten “Toy- Drive”. Die Kinder können einen Wunschbrief an Santa Claus schreiben, diese Briefe werden dann an Sponsoren weitergeleitet, die ihrerseits so weit wie möglich die Wünsche der Kinder erfüllen. Dieses Jahr waren es rund 600 Briefe, und mindestens so viele Kids werden dann auch bedacht. Das Ganze artet in eine gigantische logistische Leistung aus…
Die meisten Sponsoren schicken ihre Pakete bereits in Geschenkpapier verpackt, und fast zwei Tage lang haben wir wie die Kinder das Papier abgefetzt und die Sachen ausgepackt. Wozu soll das gut sein, fragt sich da sicher mancher. Na ja, leider schicken nicht wenige Sponsoren gebrauchte Dinge, denen man es teilweise extrem ansieht. Nach dem Motto- für die Indianer ist es selbst als Weihnachtsgeschenk noch gut genug. So etwas ist wirklich erbärmlich.
Inzwischen haben wir angefangen, die Geschenke auf die jeweiligen Kinder zu verteilen, geordnet nach Familien. Es ist eine unglaubliche Arbeit! Aber wenn man die Kinder kennt, die die Geschenke bekommen, und man findet genau die Dinge, die sie mögen und um die sie gebeten haben, dann ist das ein absolut berauschendes Gefühl und entschädigt für 15 Stunden Arbeit pro Tag. Ich kann es kaum erwarten, die Geschenke zu verteilen und die Gesichter der Kids zu sehen!!
Das Main befindet sich im Zustand des geordneten Chaos. Überall stehen große Kisten mit den Geschenken, es existieren nur noch schmale Gänge.
Im Laufe der vergangenen Tage haben wir eine Art Negativ- Hitliste der gespendeten Geschenke aufgestellt. Ganz vorn rangieren 100 benutzte Tennisbälle, 3 Golfbälle (die waren wenigstens neu, aber wer in aller Welt soll die hier nutzen koennen???), selbstgebrannte CD’s sowie ein Aufbewahrungsset fuer Kontaktlinsen samt gebrauchten Inhaltes (wir wollen mal guten Willens sein und zugestehen, daß dies aus Versehen in Geschenkpapier verpackt und an ein Kind adressiert wurde…). Die diversen gebrauchten Spielzeuge, Puzzles, CD- Player, Kleidungsstuecke usw. sind da schon relativ uninteressant dagegen.
Morgen frueh um 8 Uhr werden wir anfangen, die Geschenke bei den Kindern abzuliefern. Etwas zeitig fuer meinen Geschmack, aber naja. Immerhin wollen wir spätestens am 25. Dezember abends fertig sein. Der 26. Dezember ist uebrigens in den USA ein ganz normaler Abeitstag und nicht wie bei uns ein Feiertag.
So richtig Weihnachtsstimmung haben wir nicht, aber irgendwie fehlt es mir auch nicht, das Gewimmel in Stadtzentren, Straßenbahnen oder Kaufhäusern verpasst zu haben. Wobei, zwei groeßere Shoppingtouren haben wir gemacht. Dazu sind wir nach Rapid City gefahren. 3 Stunden hin, 3 Stunden zurueck… Die Leute haben uns immer komisch angestarrt, wenn wir mit unseren zig Einkaufswagen, gefuellt mit 90 Rollen Geschenkpapier, 30 Paar Nike- Schuhen, 57 Winterjacken, 25 CD’s oder 150 Kosmetikartikeln durch die Geschäfte rollten.
Aufgeteilt in drei “Santa- Teams” sind wir am 24. und 25. Dezember von morgens bis abends durch Eagle Butte gekutscht ( ungefähr die Hälfte der Zeit ging beim Straße- Suchen drauf- hier hält man offenbar nicht so viel von Straßenschildern…) und haben die so mühsam zusammengestellten Geschenke bei den Familien abgeliefert. Man konnte gar nicht so schnell schauen, wie die Kids die Verpackungen abgefetzt hatten und über ihre neuen Spielsachen herfielen. Ich kannte die meisten der Kinder, und manche von ihnen habe ich noch nie mit solch glücklichen Gesichtern gesehen.
Und dazu noch das Wetter- strahlender Sonnenschein und Schnee, glitzernde Eiskristalle überall an den Baueben und Zäunen, einfach wunderschön. Wie kann man Weihnachten besser feiern!
Ich weiß nicht mehr, wie viele Häuser ich an den beiden Tagen gesehen habe, aber die Unterschiede sind mir sehr in Erinnerung geblieben. Da gab es Familien, unter deren Weihnachtsbäumen sich die Geschenke türmten, schon bevor wir dort eintrafen. Da standen Fernseher halb so groß wie eine Kinoleinwand. Und dann gab es Familien, die sich nicht mal einen künstlichen Weihnachtsbaum leisten konnten, die kaum Möbel besitzen, deren Haus so klein und deren Kinderzahl so groß ist, daß die Betten selbst im Wohnzimmer stehen müssen. Familien, deren Kinder bei jedem ausgepackten Geschenk- und sei es noch so klein- mit Unglauben in der Stimme riefen: “Genau DAS habe ich mir gewünscht!”. Familien, die Kinder ab ca. 13 Jahren abwärts haben und von denen wir zu hören bekamen: “Das ist das erste Mal, daß Santa durch diese Tür tritt.” und “Danke. Ihr habt meine Kinder heute so glücklich gemacht!” Relativ spät abends am 24. Dezember hatte “mein” Santa- Team zwei solcher Familien direkt hintereinander. Ich weiß es klingt kitschig- aber eine dritte hätten wir nicht verkraftet, ohne loszuheulen. Weihnachten läuft hier übrigens fast ab wie in Deutschland.
Die Zeit nach Weihnachten war fast genauso arbeitsreich wie die davor: Nach dem Geschenkeverteilen kam das große Aufräumen, und das hat einige Tage gedauert. Nach dem großen Aufräumen kam das große Umfallen: Ausschlafen, Fernsehen, Nichtstun. Und dann kam Silvester. Mehr dazu beim nächsten Mal (falls die seit Ewigkeiten geschlossene Bibo mal wieder aufmacht…). Eins kann ich jetzt schon sagen: Mein Weihnachten hier war ungewöhnlich, aber Silvester war auch nicht gerade alltäglich!
Und so landete ich gemeinsam mit zwei anderen Freiwilligen auf der Ranch eines Freundes, der ganz begeistert war, dass ausser seiner Frau und seinem Cousin noch ein paar andere Leute zum Kartenspielen zur Verfuegung standen. Kartenspielen scheint hier allgemein eine beliebte Abendbeschäftigung zu sein.
Am Anfang war ich ja skeptisch, aber ich muß zugeben: ich hatte echt ne Menge Spaß. Irgendwann gegen Mitternacht wurden lustige Huetchen und ein paar vereinzelte Knaller ausgegraben. Dazu Luftschlangen made in Germany. Die sorgten besonders fuer Erheiterung, hatten doch unsere Gastgeber seit Jahren ratlos vor diesen Dingern gestanden und sie immer wieder in der Kiste vergraben. Da mußte erst eine Deutsche daherkommen und ihnen zeigen, wie das Ganze funktioniert. :-)
Nach unserer Katzenbefreiungsaktion ließen wir noch paar Knaller steigen und gingen wieder zurueck ins Haus, um unsere heißgespielten Karten nicht auskuehlen zu lassen und um ein paar Runden zu wuerfeln. Gegen 4:30 waren wir dann zu Hause- gar nicht mal so uebel fuer Silvester in der Pampa, oder?!
Oh, eins ist noch ganz lustig: der Cousin meines Freundes war Ende der 70er fuer 5 Jahre als Soldat in Deutschland stationiert und erzählte eine Menge lustiger Geschichten, die ihm als Indianer bei den indianerverrueckten Deutschen passiert sind. Einmal z. B. nahm ihn ein Kumpel mit in einen kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart, wo ein riesiges Indianer- und Military- Camp aufgebaut war, organisiert von diversen Indianistik- und Enactment- Gruppen. Dave meinte, er habe fast einen Herzinfakt gekriegt, als vor ihm ploetzlich die vielen Tipis auftauchten. Und zig Hundert Leute in original Klamotten zu sehen, wie sie da so ohne jegliche Annehmlichkeiten moderner Zivilisation lebten, das erschien ihm reichlich komisch. Er war der einzige echte Indianer unter all den anderen Indianern und Soldaten, und das war- so erzählte er- eine verdammt irritierende Angelegenheit. Zumal ihn alle behandelten wie eine heilige Kuh. Aber Spaß hatte er offensichtlich trotzdem.
Chris - ein Freiwilliger im Main- wollte unbedingt eine Schwitzhüttenzeremonie (Sweat) besuchen. Am Morgen des 2. Januar waren wir in der Bibliothek, als dort das Telefon klingelte. Der Anruf war für mich und Chris, am anderen Ende unser Freund, mit dem wir Silvester verbracht hatten. Er hatte eine Sweat für uns organisiert bzw. uns einen Platz bei einer geplanten Zeremonie “besorgt”.
Chris, der den Anruf entgegengenommen hatte, sagte zu mir: “Wir werden gegen 5 (17:00 Uhr) abgeholt und fahren raus zu Arvol Looking Horse. Dort haben wir die Sweat.” Ich dachte zuerst, er will mich veräppeln. Arvol Looking Horse ist nämlich nicht irgendwer, der einfach mal so ein paar Weiße zu einer Sweat einlädt. In seiner Familie wird seit 19 Generationen die heilige Pfeife der Sioux- Stämme aufbewahrt (die Geschichte dieser Pfeife ist unter Legenden zu finden), und er ist der gegenwärtige “Keeper”. Das macht ihn zu einem spirituellen Führer seines Volkes, und er ist weit über die Grenzen der USA hinaus bekannt. An einer von ihm geleiteten Schwitzhüttenzeremonie teilnehmen zu dürfen ist etwas Megabesonderes. Eigentlich so ziemlich das Gleiche, wie einen vom Papst geleiteten Gottesdienst zu besuchen!
Die Schwitzhüttenzeremonie bedeutet für die Lakota das gleiche wie ein Gottesdienst für Christen. Sie ist eine Reinigung von Körper und Geist und steht oft vor anderen Zeremonien wie dem Sonnentanz. Sie dauert unterschiedlich lange, meistens jedoch um die zwei Stunden. Über vier Runden hinweg- unterbrochen durch kurze Pausen, in denen der Türvorhang gehoben wird, um die kühlende Nachluft hereinzulassen- wird in der völlig dunklen, flachen, kreisrunden Hütte gesungen, getrommelt und gebetet. Man muß bereit sein, sich fallen zu lassen, seinen Kopf freizumachen, sich dem Rhythmus der Stimmen und Trommeln hinzugeben- dann spürt man die Hitze kaum und alle Sinne verbinden sich auf eine Weise, die man mit rationalen Begriffen nicht erklären kann. Ich habe mehrere Sweats mitgemacht, jede einzelne war eine faszinierende Erfahrung.
Wie hätte ich das neue Jahr besser beginnen können als mit einer solchen Zeremonie!
Ganz schoen kalt, aber relativ erträglich, wenn man warm eingepackt ist. Das Atmen fällt allerdings etwas schwer. Irgendwie hat man das Gefuehl, als ob die Nasenfluegel zusammenkleben, und die Lunge benimmt sich, als ob sie die kalte, trockene Luft sofort wieder loswerden will- man kann gar nicht richtig tief einatmen. Der eisige Wind ist schlimmer als die eigentliche Kälte- er kommt aus allen Richtungen und jagt den Schnee durch die Gegend, daß man kaum bis zum nächsten Haus sehen kann. Winzige Eiskluempchen pfeifen durch die Luft wie Munition. Sie peitschen ins Gesicht und setzen sich in den Wimpern fest, kleistern sie zusammen- man kann kaum mehr aus den Augen sehen.
Also doch nicht unbedingt so erträglich, wenn ich es mir recht ueberlege...
Die Stadt hat so ziemlich dicht gemacht- Schule, College und Bibliothek sind geschlossen. Nur wer unbedingt raus muß, wagt sich in Kälte und Sturm. Im Main ist es ruhig, die kids sind alle zu Hause geblieben. Wir kämpfen mit dem Heizsystem, das mal wieder seinen eigenen Kopf hat und ausgerechnet die Räume wärmt, die wir nicht brauchen. In der Kueche liegt Schnee. Naja, uebertrieben… Durch die Ritzen der Tuer hat es hereingeweht, und jetzt liegt der Schnee dort und hält sich schon den ganzen Tag. So wie frueher auf dem Fensterbrett im Studentenwohnheim. :-)
Nach dem feuchten Meeresklima in San Francisco wird mir wieder einmal bewußt, wie extrem trocken die Luft hier ist. Die Folgen: häufiges Nasenbluten, trockene und rissige Haut, verschwollene, rote Augen. Allergischer Schnupfen und Husten. Ich habe inzwischen jede Jahreszeit in South Dakota erlebt, und ich denke, daß man die Trockenheit am stärksten im Winter spuert. Winter heißt hier: kann im September beginnen und bis Mai dauern. Es ist definitiv die härteste Zeit des Jahres, und sie dauert EWIG...
Eigentlich wollte ich ja schreiben, dass es nichts zu schreiben gibt, weil hier alles im tiefsten Winterschlaf liegt und so überhaupt nix passiert. Leider ist das seit dem Wochenende hinfällig. Am Samstagabend gab es den zweiten Selbstmord in diesem Jahr. Ein 16-jähriger Junge in einem kleinen Ort hat sich erschossen. Und in der gleichen Stunde gab es noch einen weiteren Suizidversuch. Meine Chefin nimmt so etwas immer sehr mit, deshalb hat sie die Leute von der Selbstmord- Prävention angerufen, um ein paar Zahlen zu erfahren. Das Ergebnis ist schockierend: Im vergangenen Jahr gab es auf der Reservation 17 Suizide. So schlimm es ist, ist das doch “nur” die Zahl der vollendeten Selbstmorde. Die Zahl der Versuche ist sogar noch dramatischer: drei bis sieben PRO WOCHE!!!!!
Und weil wir gerade bei Zahlen sind: Laut einer Statistik des Indian Health Services von 2002 ist die Selbstmordrate unter Indianern 72% höher als bei der generellen amerikanischen Bevölkerung. Und: Während normalerweise die Mehrheit der Selbstmörder 74 und älter ist, sind es bei den Natives vor allem die 15 bis 34-jährigen, die sich das Leben nehmen.
Und noch eine schockierende Zahl (Quelle: Indian Health Services): Die Zahl der Todesfälle, die mit Alkohol im Zusammenhang stehen, sind unter Indianern 7 mal so hoch wie bei der Amerikanern allgemein…
Meine Chefin rief also in der Praxis für die “general public” an. Keine Chance. Die waren absolut zu mit Terminen und nicht einmal bereit, mich irgendwo dazwischen zu schieben. Blieb nur noch das IHS- Hospital ( IHS = Indian Health Service). Nun hat dieses Krankenhaus ( man stelle sich nicht zu viel darunter vor- es ist winzig!) einen ausgesprochen schlechten Ruf. Einen GANZ ausgesprochen schlechten Ruf. Was die Qualität der ärzte ( wer praktiziert schon freiwillig mitten in der Pampa und noch dazu auf einer Indianerreservation…) und der Behandlung betrifft. Da zirkulieren ziemlich heftige Geschichten.
Okay, wie auch immer- ich war an einem Punkt, an dem mir das alles egal war. Nur- war ich Notfall genug, um als Patientin akzeptiert zu werden? Glücklicherweise arbeitet der Bruder meiner Chefin im Krankenhaus, und dank seiner Hilfe sass ich wenig später im Warteraum, um dann von einem Arzt behandelt zu werden, der ganz augenscheinlich sein Rentenalter bereits überschritten hatte. Einmal in den Hals geguckt, zweimal abgetastet, und schon war ich wieder draussen. Mit meiner Diagnose. Ich war ein wenig verwundert- dunkle Kindheitserinnerungen suggerierten mir, dass Ärzte eigentlich einen Test im Labor machen lassen, bevor sie dich mit Angina diagnostizieren und Antibiotika beschiessen. Aber ich will mal nix sagen- der gute Mann scheint auch ohne Test die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ich nehme artig mein Penicillin und es geht mir schon viel besser…
Ich hatte einige deutsche Süssigkeiten über Weihnachten gerettet, das waren meine Abschiedsgaben. Bescheiden, aber ein ausgesprochener Erfolg. Indianer lieben nicht nur Kaffee, sondern auch alles Süße. Was eigentlich gar nicht so gut ist, denn Diabetes ist ein echtes Problem, selbst schon bei Kindern. Ursachen sind unter anderem der weitreichende Alkoholmissbrauch und die schlechte Ernährung. Zwar gibt es im Supermarkt alles zu kaufen, aber die Preise dort sind noch höher als die ohnehin schon recht gepfefferten amerikanischen Lebensmittelpreise. Das können sich nicht so viele leisten, zumal fast jede Familie eine Großfamilie ist. Der Staat spendiert einmal monatlich Lebensmittel, die sogenannten „commodities“, aber die sind nicht gerade von toller Qualität. Dosenfutter und Trockenprodukte... Dazu gibt es Lebensmittelmarken und Unterstützung von der schon einmal erwähnten Food Pantry. Fakt ist- auf der Reservation geht niemand an Hunger zugrunde, aber besonders gesund ist die Ernährung eben nicht. Das merke ich auch an mir selbst. Nicht umsonst nehme ich hier jeden Bazillus mit, der gerade mal kurz um die Ecke schaut.
Es ist noch einmal ordentlich kalt geworden, minus 18 Grad Fahrenheit. Das sind fast minus 30 Grad Celsius. Glücklicherweise weht kaum Wind. Vor ein paar Tagen bin ich spazieren gegangen, weil ich das Gefühl hatte: Mensch, es ist ja gar nicht so kalt heute! Dann kam ich an einem Thermometer vorbei, und das zeigte minus 15 Grad Celsius an. Da hab ich nicht schlecht gestaunt! So gewöhnt man sich eben an alles.
Heute habe ich mich überreden lassen, abends zu einem Basketballspiel in die High School zu gehen. Basketball ist auf der Reservation DER Sport schlechthin. Ich verstehe zwar so gut wie gar nichts davon, aber was ich die Kids aller Altersgruppen manchmal so habe auf den Strassen mit dem Ball zaubern sehen, das war schon sehr beeindruckend. Das Main veranstaltet im Sommer das sogenannte „Midnight Basketball“. Zweimal pro Woche über die Sommermonate hinweg auf dem Parkplatz der High School, von 10 Uhr abends bis 2 Uhr morgens. Dazu werden mehrere Spielfelder aufgebaut, es gibt Snacks und Getränke und am Ende ein richtiges Turnier mit guten Preisen (den bei den Kids ausgesprochen begehrten Nike- Sachen z.B.). Es ist ein riesiger Erfolg. Grundidee dieser Veranstaltung ist es nämlich nicht nur, der sonst so vernachlässigten Jugend etwas zu bieten, sondern die jungen Leute zwischen 13 und Anfang 20 nachts von der Strasse wegzuholen. Es gibt zwar ein sogenanntes Curfew- eine Ausgangssperre für alle unter 18 ab 10 Uhr abends- aber das hindert nur wenige daran, auch danach noch die Gegend unsicher zu machen und Dummheiten anzustellen. Aber in den Nächten, in denen das Midnight Basketball stattfindet, registriert die Polizei wesentlich weniger Unruhe und Straftaten als sonst.
Noch zwei Tage...
Die Großstadt entnervt mich mit ihrem Gestank, den vielen Menschen und Autos. Mit ihrer Enge und ihrer Geschwindigkeit. Es wird eine Weile dauern, bis ich mich wieder daran gewöhnt haben werde. Eher notdürftig, fürchte ich allerdings, denn bei jeder Rückkehr nach Deutschland vermisse ich sie ein Stückchen mehr- die Sterne, die Sonnenuntergänge, die Weite der Prärie. Und die Menschen. Die verstehen sowieso schon lange nicht mehr, wieso ich immer wieder nach Deutschland zurück fahre, wenn es mir bei ihnen doch so gut gefällt. Tja, gute Frage...
Mit dem Ende der Reise schließt sich auch das Tagebuch. Herzlichen Dank fürs Lesen, für das große Interesse, die vielen Mails. Schaut mal wieder vorbei, ich würde mich freuen. In diesem Sinne- toksa ake- bis wir uns wiedersehen.:-)
Sabine