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Beim Pow Wow

Wenn ich heute einem 8-jährigen Kind erzählen würde, dass es Indianer tatsächlich gibt, dass ich sogar einige von ihnen persönlich kenne und eine Weile bei ihnen gelebt habe, dann würde es mich wahrscheinlich mit großen, ungläubigen Augen anschauen. Ähnlich würde es wohl einem Erwachsenen ergehen und ja, tatsächlich habe ich schon einige solcher erstaunten Gesichter gesehen. Dabei zählt Deutschland doch zu einem Land, in dem Indianer so gegenwärtig sind wie in kaum einem anderen Land. Unzählige Jugendliche und Erwachsene haben Karl May gelesen, seine Abenteuer haben die Fantasie geweckt und von einer fremden Indianerwelt träumen lassen. In Bücherläden kann man heute Indianerkalender kaufen und T-Shirts im „indian design“. Der Indianer ist ein Mythos für die Deutschen geworden, spätestens seit Karl May wurde er zum Symbol für Abenteuer, Naturverbundenheit und eine irgendwie andere Welt als eben die eigene deutsche Welt....

 

Szenenwechsel...
Ich stehe auf einer staubigen Landstrasse, welche sich durch ein unendlich wirkendes grünes Meer aus Präriegras geradlinig vom östlichen bis zum westlichen Horizont erstreckt. Es ist windig und heiß an diesem Augustnachmittag, und es ist still, außer dem Wind kein einziges Geräusch.

Prärie im Frühling

Am Horizont, dort wo der Highway 90 den Himmel zu berühren scheint, erkenne ich nun einen winzigen, jedoch immer größer werdenden Punkt. Ich bin erleichtert, denn schon seit einer Stunde ist auf dieser Hauptverbindungsstrecke zwischen Eagle Butte und der Hauptstadt South Dakotas kein Auto mehr vorbeigekommen. Minuten später erkenne ich bereits einen großen Chevrolet Pickup, Baujahr 82 oder noch älter, irgendwie sind die Vehikel hier alle älter als ich selbst. Der Pickup wird langsamer, als die Insassen mich bemerken, langsam rollen sie auf mich zu. Am Steuer ein älterer Mann mit indianischen Gesichtszügen, die langen Haare in zwei geflochtenen Zöpfen zusammengehalten, außerdem eine junge Indianerin auf der Rückbank und zwei Kinder auf der Ladefläche des Trucks. Die vier Indianer schauen mich verdutzt und leicht erheitert an; wie um alles in der Welt kann einer hier, mitten in der Prärie, kilometerweit vom nächsten Ort entfernt, am Straßenrand stehen...ohne Auto ! „Willst Du die 90 Meilen nach Pierre etwa laufen?“. Der Geruch von frischem Sage und Süßgras dringt mir aus dem Auto entgegen. Und dann der übliche englische Satz, jedoch diesmal in indianischem Slang: „Wanna ride ?“.... Das alles hört sich an wie in einem kitschigen Dreigroschen-Indianerroman, aber wenn man es selbst erlebt hat, dann sieht man die Dinge mit anderen Augen.

Ja, ich habe nordamerikanische Indianer gesehen, habe mit vielen von ihnen gesprochen, ihre Kultur erlebt, oder das, was davon noch übrig ist. Aber wer sich jetzt fragt, ob es die heile Welt aus Natur, Religion, Tipis und Weisheit überhaupt noch gibt, den kann ich beruhigen, manchmal habe ich selbst das noch erleben können.

Dara, David und Sabine auf dem
Bear Butte

Doch ich will erzählen, wie es dazu kam. Als Kind hab ich natürlich auch Karl May gelesen und mir meine eigene kleine Phantasie-Indianerwelt aufgebaut. Doch wächst man irgendwann aus der Kindheit heraus und vergisst den Traum, andere Dinge werden da wichtiger. Als Jugendlicher war ich in einer Umweltgruppe aktiv und habe mich dabei oft von indianischer Musik und Büchern mit schlauen Weisheiten über den Umgang mit der Natur tragen lassen. Der Indianer als Symbol für Umweltbewusstsein. Auch das wäre wohl in Vergessenheit geraten, hätte ich 1999 nicht das Angebot erhalten, an einer dreiwöchigen Begegnungsfahrt zwischen deutschen und amerikanischen Jugendlichen zum Thema „ethnische Minderheiten“ teilzunehmen. Es begann in Pennsylvania in typisch amerikanischen Gastfamilien, dann eine lange Fahrt quer durch die USA in den mittleren Westen. Die Fahrt brachte uns in das Cheyenne River Sioux Reservat nach South Dakota. Im Reservat selbst verbrachten wir nur wenige Tage, besuchten auch den Kindergarten „The Main“ und wohnten in einer Kirche auf einem Hügel unweit des malerischen Dorfes Green Grass. Es war ein Traum vom Indianersein, der da in Erfüllung zu gehen schien, das Land, die Natur, die Menschen. Obwohl wir auch viel von den Problemen eines Indianers der heutigen Zeit zu sehen und zu hören bekamen, waren wir als Gruppe jedoch weitgehend abgeschirmt davon.

 

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