>>>> Der Big Foot Ride I <<<<

 

Prärie im Winter

Es war an einem ganz normalen Abend im Dezember 2003. Ich war auf Cheyenne River, saß bei meinen Freunden Ken und Linda in der Küche und musste wie üblich beim Kartenspielen mächtig Federn lassen. Draußen dröhnte der Sturm, vor der Haustür sammelte sich schon wieder die nächste Schneewehe an.

Und plötzlich stellte Ken so ganz nebenbei eine Frage, die mein gesamtes Jahr 2004 beeinflussen sollte: Sag mal, was würdest du davon halten, wenn ich dir für den nächsten Big Foot Ride ein Pferd geben würde?

Die Frage klingt harmlos genug. Aber nur dann, wenn man nicht weiß, was der Big Foot Ride ist...

* * *

Am 15. Dezember 1890 wurde auf der Standing Rock Reservation, die sich im Norden direkt an Cheyenne River anschließt, der berühmte Häuptling Sitting Bull ermordet. Zu jener Zeit sorgte unter den Lakota eine neue spirituelle Bewegung für Furore: Der Geistertanz. Mit diesem Tanz sollten auf ganz friedliche Art die weißen Eroberer wieder verschwinden, die Toten und die Büffel zurück kehren. Die Tänzer waren alles andere als eine Gefahr, und trotzdem wirkten sie auf die Weißen wie eine Bedrohung. Die Niederlage vom Little Big Horn war Jahre her, doch sie konnten und wollten sie nicht verwinden.

Die Route des Big Foot Rides

Als Sitting Bull getötet wurde, begannen die Anhänger des Geistertanzes auf Standing Rock um ihre Sicherheit zu fürchten. Chief Big Foot nahm seine Leute und machte sich auf den Weg gen Süden, zur Pine Ridge Reservation. Über 300 Meilen (rund 500 Kilometer) zu Fuß und zu Pferd über die verschneite Prärie lagen vor ihnen, bei eiskalten Winden, Temperaturen bis zu minus 60 Grad, ohne große Lebensmittelvorräte und warme Kleidung.

Zwei Wochen waren sie unterwegs gewesen und nur noch zwanzig Meilen von ihrem Ziel entfernt, als sie am 29. Dezember am Wounded Knee Creek ihr Camp aufbauten. Doch dort wartete das Ende. Soldaten der 7. US- Kavallerie, einst unter Sitting Bull am Little Big Horn vernichtend geschlagen, genossen ihre Rache, als sie die mehr als 250 Männer, Frauen und Kinder erst umzingelten und dann gnadenlos abschlachteten.

Das Massaker von Wounded Knee brach den Widerstand der Lakota. Bis heute ist es ein Trauma. Doch seit 1986 ist es auch ein Neubeginn, eine Quelle des Stolzes auf Herkunft und Traditionen, Inspiration für ein besseres Leben. 1986 gab es den ersten Big Foot Ride, und seitdem machen sich jedes Jahr im Dezember bis zu 200 Reiter auf, um auf den Spuren ihrer Vorfahren die gleiche Strecke zu reiten wie einst Chief Big Foot und seine Leute. Sie haben wärmere Kleidung und mehr zu essen, und es gibt auch keine Soldaten, die ihnen auf den Fersen sind und ihr Leben bedrohen. Trotzdem erfahren sie am eigenen Leib, was es heißt, 10 Stunden am Tag durch Schnee, Kälte und Sturm zu reiten, müde und erschöpft zu sein.

Viele Kinder und Jugendliche machen den Ritt mit, und durch die Strapazen erwächst häufig ein ganz neuer Stolz nicht nur darauf, was die Vorfahren geleistet haben, sondern auch auf das, was man ist. Und genau das hoffen die Organisatoren des Rittes- dass sich die jungen Leute auf ihre Identität besinnen, dass sie ihre Herkunft und ihre Traditionen nicht vergessen. In diesem Sinne ist der Big Foot Ride alles andere als ein Ritt, den man mitmacht, weil man die Herausforderung schätzt oder gern reitet. Der Big Foot Ride ist vor allem eine spirituelle Angelegenheit.

* * *

Als Ken mich fragte, ob ich am Big Foot Ride teilnehmen wolle, wäre ich fast vom Stuhl gekippt. Nicht nur deshalb, weil der alt und klapprig ist und schon einmal unter mir zusammengebrochen war. Die Bedeutung des Rittes war mir bewusst, und ich empfand es als riesige Ehre, diese Einladung zu bekommen.

Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen, ich habe mich seit Monaten vorbereitet. Trotzdem muss ich gestehen, dass ich mittlerweile mit jedem Tag etwas nervöser werde. Wie werden mich die anderen Reiter aufnehmen? Wie werde ich mit der Kälte klar kommen? Werde ich es überhaupt durchhalten, Tag für Tag bis zu 10 Stunden im Sattel zu sitzen? Werde ich schon nach dem ersten Tag alles hinschmeißen wollen oder erst nach dem zweiten?

Ende Dezember werde ich die Antworten auf diese Fragen wissen. Ihr auch, wenn Ihr wollt. Also- schaut wieder vorbei!

Sabine

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