>>>> Der Big Foot Ride - Teil II <<<<

 

Mehr als sechs Monate sind vergangen, seit ich mich im kalten South Dakota auf das Abenteuer Big Foot Ride gemacht habe. Und trotzdem schaffe ich es erst jetzt, etwas darüber zu berichten. Weniger aus Zeitgründen, muss ich gestehen. In den ersten Wochen und Monaten nach dem Ritt wollte ich eigentlich überhaupt nichts mehr darüber schreiben.

Wer den vorausgehenden Bericht gelesen hat (und das sei an dieser Stelle empfohlen, damit man auch weiß, worum es überhaupt geht), der wird sich erinnern, dass das Ganze keine Spaß- Tour, sondern eine spirituelle Angelegenheit ist. Und so hinterließ die Woche denn auch eine solche Menge an Eindrücken, Gefühlen und Empfindungen, dass ich förmlich überwältigt war und selbst der Alltag auf der Cheyenne River Reservation, auf die ich anschließend zurückkehrte, als absolutes Kontrastprogramm erschien. Und plötzlich war das, was ich erlebt, erfahren und gedacht hatte, nicht mehr dazu geeignet, es mit völlig fremden Menschen zu teilen. Es war eine ganz persönliche Angelegenheit geworden, und meine indianischen Freunde, denen ich das sagte, nickten nachdenklich und meinten, das sei gut so.

Aber versprochen ist versprochen, und deshalb möchte ich trotzdem ein paar Sachen erzählen. Es sind eher bunt zusammengewürfelte Stichpunkte und Gedanken, kein wirklicher „Bericht“.


Durch den Nebel

Zunächst muss ich sagen, dass die ursprünglichen Big Foot Reiter es nicht so gern sehen, wenn der Nachfolger des Ritts, der von ihnen von vornherein auf wenige Winter begrenzt war und mit dem Ritt von 1990- dem hundertsten Jahrestag des Massakers von Wounded Knee- seinen Abschluss gefunden hatte, weiterhin als Big Foot Ride bezeichnet wird. Die jetzt stattfindenden Ritte seien etwas anderes, etwas neues. Deshalb bevorzugen sie die Bezeichnung “Future Generations Ride“.

Ich schloss mich den Reitern in dem kleinen Ort Bridger an, ungefähr zur Halbzeit. Da war es noch ein relativ kleines Häufchen von vielleicht 50 Leuten, zumeist Jugendliche und Kinder. Doch mit jedem folgenden Tag stießen neuer Reiter zu uns, und als wir nach einer Woche in Wounded Knee ankamen, waren wir fast 200.

Geschlafen haben wir in Gemeindehäusern, Turnhallen, im Freien, und einmal, als wir eigentlich auch hätten draußen übernachten müssen, aber es so verdammt kalt war, dass mir der Suppenlöffel an der Schüssel anfror, fanden wir glücklicherweise eine winzige alte Kirche mitten auf der einsamen Prärie. Dort lagen wir dann wie die sprichwörtlichen Sardinen in der Dose, aber wenigstens hatten wir es warm.


Big Foot Pass

Die Tage, an denen wir zwischen den Reservationen und somit auf eher unbewohntem Gelände unterwegs waren, begannen und endeten am großen, gemeinschaftlichen Lagerfeuer. Dort wurden auch Kaffee, leckere Suppen und undefinierbare Frühstücke gekocht. Und: Das Weihnachtsessen. Einfach, aber irgendwie trotzdem besser als jedes 5- Sterne- Menü.

Am frühen Morgen des Weihnachtstages- am 25. Dezember- ritten wir dann bei strahlendem Sonnenschein in langer Reihe über den Big Foot Pass in die Badlands hinunter. Dass dies ein unbeschreibliches Erlebnis und ein ganz besonderes Weihnachten war, brauche ich wohl nicht weiter zu erklären...

Die physischen Anforderungen sind enorm. Sowohl an den Reiter als auch an das Pferd. Den ganzen Tag im Sattel, bei zumeist schnellem Tempo, großteils querfeldein, teilweise über Schotterstraßen. Wer noch immer der Meinung ist, die Prärie sei flach wie ein Brett, der wird hier ganz gewaltig eines Besseren belehrt. Bergauf und bergab geht’s in gestrecktem Galopp, und regelmäßig tauchen ausgetrocknete, tief eingeschnittene Bachtäler auf, bei denen man nahezu im 90 Grad Winkel am Abhang hängt. Einmal ist ein Pferd samt Reiter einfach so im Rückwärtssalto hintenüber gekippt. Glücklicherweise war nichts weiter passiert, obwohl es eine Weile dauerte, die beiden wieder flott zu bekommen.


Mein Pferd Winter Hawk - Nase voll nach fast 300 Kilometern...

Am Abend des zweiten Tages dachte ich, ich könnte nie wieder in den Sattel steigen. Mir tat nicht wirklich was weh, ich war nur schlicht und einfach rundum fertig. Aber wer hätte es gedacht- nach einer halben Stunde wortlosem Hockens am Feuer und einer guten Suppe war ich fast wieder wie neu.

Ich habe in der Woche viel gelernt- über mich selbst, über Verantwortung, über die Lakota. Am Anfang habe ich von einigen Reitern verständliche Ablehnung gespürt. Wer war ich schon- irgendeine bescheuerte Weiße, die wohl für einen oder zwei Tage den besonderen Kick sucht und sich dabei ausgerechnet ihren spirituellen Ritt ausgesucht hat. Da ging schon der eine oder andere spöttische Blick in meine Richtung. Doch dann sahen sie, dass ich durchhielt. Wir kamen ins Gespräch, wir teilten das Futter für unsere Pferde, wir schliefen gemeinsam am Lagerfeuer, wir halfen uns gegenseitig. Naja, ehrlich gesagt halfen die Lakota eher mir als ich ihnen...


Mittagspause

Ich habe noch nie in meinem Leben mehr Stolz empfunden als in dem Moment, als wir uns am letzten Abend bei einer Zeremonie alle die Hände reichten und mir in Worten und Blicken Anerkennung ausgesprochen wurde. Anerkennung dafür, dass ich durchgehalten hatte, dafür, dass ich Respekt gezeigt hatte und ihre Ahnen geehrt hatte. Und ich habe noch nie im Leben ein solches Zusammengehörigkeitsgefühl verspürt wie an diesem Abend. Da wurde mir plötzlich bewusst, wie die Lakota ihre Gemeinschaft empfinden, und ich habe ein ganz neues Verständnis für sie gewonnen. Für ein paar Stunden war ich Teil dieser Gemeinschaft, und für diese Erfahrung werde ich immer dankbar sein.

 

 

Auf dem Ritt wurden wir von einem Fotografen aus Kalifornien begleitet. Sein Name ist Ken Marchionno, und die Magie dieses Erlebnisses ist in vielen seiner Bilder spürbar. Wer sie sich anschauen möchte, ist herzlich willkommen.

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